Lauterbach-Dorf 

Einen Mammutstoßzahn finden


Foto eines Mammutstoßzahns, bearbeitet und farblich gestaltet mit KI

Prähistorische Funde in Lauterbach-Dorf (heute Sokolov, Bezirk Falkenau a. E.\Falknov nad Ohří)

(Artikel aus der zeitgenössischen Presse)

Vorgeschichtliche Funde in Lauterbach-Dorf (Bez. Falkenau a. E.) Von Rud. Köhler.*) Aus dem Berichte des Herrn Ing. Hnatek der Bauunternehmung Brüder Redlich in Brünn, Abraumbetrieb „Friedrichzeche“ in Lauterbach-Dorf, vom 28. Hartungs 1921, der mir durch freundliche Vermittlung des Herrn M.U.Dr. F. Mießl in Zwodau zukam, geht Folgendes hervor: Seit dem Herbste 1919 besorgt die vorangeführte Bauunternehmung die Baggerungsarbeiten auf der Friedrichzeche in Lauterbach-Dorf im Auftrage der Ersten Böhmischen Glasindustrie A. G. Bleistadt. Die Höhe des abzubaggernden Materials beträgt 1–26 m über der Kohle. Das Abraummaterial selbst besteht außer einer dünnen Schichte Humus aus Lehm, grauem und blauem Letten, teilweise mit Steinen vermengt. Im Dezember 1920 wurde, 30 m von der nördl. Markscheide entfernt, in einer Tiefe von 8–10 m unter der Erdoberfläche ungefähr 1 m über der Kohle, das Bruchstück einer 60 mm langen Hirschstange gefunden. Am 13. Jänner 1921 fand man in ebenderselben Tiefe in der Nähe der ersten Fundstelle wieder Tierreste. Das erste zu Tage gebaggerte Stück war ein Mammut-Stoßzahn in der Länge von 2 m, mit einem Endumfange von 45 cm und einem Gewichte von 42 kg. Das stärkere Ende des Stoßzahnes wurde in der Nacht beim Baggern abgebrochen. Ferner fand man anläßlich der weiteren Arbeiten an derselben Stelle ein Stück gekrümmtes hornähnliches Gebilde (Zahn eines jungen Mammuts?) von einer Länge von 1 m, an der stärksten Stelle 8 cm, in der Mitte 7 1/2 cm und am anderen Ende 4 cm stark. Daneben lagernd wurden noch morsche Knochenreste herausgegraben, von welchen aber sehr wenig erhalten blieb, da sie sofort zerfielen. Wenigstens teilweise erhalten blieben ein Unterschenkel in folgender Form:

Maße in cm (Nákres: 17 / 60 / 11 / 21)

und ein Bruchstück eines Kieferteiles. Auch der Mammut-Zahn war beim Ausgraben sehr weich, erst nach 1–2 Tagen wurde das Material hart. Es ist sehr wahrscheinlich, daß in der Nähe der Fundstelle noch mehr Tierreste vorhanden sind. Diesen Schluß kann man daraus ziehen, daß während der weiteren Arbeiten noch mehr kleinere Knochenteilchen gefunden wurden. Bei der größten Vorsicht war es jedoch nicht möglich, bis jetzt weitere ganze Knochenstücke zu Tage zu fördern.

*) Alle sonstigen in den Zeitungen verbreiteten Nachrichten entsprechen nicht den Tatsachen.

(Unser Egerland)

Fotos von Unser Egerland in Originalauflösung

Der Bericht besagt, dass die Knochen bei der Ausgrabung sehr weich waren und erst nach einigen Tagen an der Luft aushärteten. Leider zerfielen viele der kleineren Fragmente sofort beim Umgang. Der Autor des Berichts, Rudolf Köhler, schließt mit dem Hinweis, dass andere Berichte in der damaligen Presse nicht der Wahrheit entsprechen.

Die Schlagzeile der Heimatszeitschrift „Unser Egerland“, die die (ernsthafte) Nachricht über den sensationellen Fund verkündete.

Spezifikationen und Zustand des Fundes

Morphologie der Stoßzähne: Der Hauptstoßzahn, 2 Meter lang, war für seine Länge ungewöhnlich schwer (42 kg), was auf eine sehr gute Mineralisierung hindeutet, obwohl er unmittelbar nach der Ausgrabung weich war. Der Umfang von 45 cm am Ende entspricht einem kräftigen, ausgewachsenen männlichen Wollhaarmammut (Mammuthus primigenius).

Zweiter Stoßzahn: Der kleinere, etwa einen Meter lange Stoßzahn war deutlich dünner (mittlerer Durchmesser ca. 7,5 cm). Der Verfasser des Berichts, Rud. Köhler, vermutete, dass er zu einem Jungtier gehörte. Paläontologisch gesehen könnte es sich jedoch auch um einen weiblichen Stoßzahn handeln, da weibliche Stoßzähne tendenziell kleiner und weniger stark gekrümmt sind als die von Männchen.

Geologischer Kontext: Die Stoßzähne lagen nicht direkt in einem Kohleflöz, sondern in einer darüber liegenden Schicht aus pleistozänen Tonen und Lehmen (sogenanntem Letten). Diese Schicht wirkte als natürlicher Isolator und konservierte die Knochen über Zehntausende von Jahren, bis die Schaufel des Baggers auf sie traf.

Modell eines Mammutbabys in der Ausstellung des Sokolov-Museums

Historischer Kontext (1921)Bergbauunternehmen: 

Die Arbeiten wurden von der in Brünn ansässigen Firma Brüder Redlich durchgeführt, einem der bedeutendsten Bau- und Bergbauunternehmen Österreich-Ungarns und später der Tschechoslowakei. Sie waren auf großflächige Erdbauarbeiten und Eisenbahnprojekte spezialisiert.Auftraggeber: Der Abbau erfolgte für die Erste Böhmische Glasindustrie AG mit Sitz in Oloví (Bleistadt), die die Kohle aus der Grube Friedrichzeche zum Beheizen ihrer Glasöfen nutzte.

Heutiger Standort: Heutiger Standort: Das Bergwerk Friedrichzeche war ein Tagebau, und das Dorf Čistá verschwand durch den Braunkohleabbau. Heute befindet sich in der Nähe der Medardsee. Foto aus Unser Egerland (nach Bearbeitung)

Der Fund erregte damals großes Aufsehen, wie die Erwähnung von „Falschmeldungen“ in den Zeitungen belegt. Ähnliche Funde in Kohlebecken in den Regionen Sokolov und Most halfen Wissenschaftlern bei der Kartierung der sogenannten Mammutsteppe, die sich hier während der letzten Eiszeit ausbreitete.

Foto aus Unser Egerland nach der Bearbeitung

In der zeitgenössischen Presse Anfang 1921 sorgte der Fund in Lauterbachdorf  für großes Aufsehen, was auch zu den in Ihrem Text erwähnten Ungenauigkeiten führte. Die Nachricht vom „Riesenmammut aus Falknow“ (Falkenau) verbreitete sich in regionalen Zeitungen und Fachzeitschriften.Hier sind weitere nachweisbare Verbindungen und Berichte:Im Januar und Februar 1921 erschienen Berichte über den Fund in deutschsprachigen Zeitungen wie der Egerer Zeitung  und der Falkenauer Zeitung.

Mammutstoßzahn (erhaltener Teil) in der Ausstellung des Sokolov-Museums

Sensationslüsterne Berichterstattung: Die ersten Berichte waren oft übertrieben. Einige Zeitungen berichteten von einem Fund eines „ganzen Mammuts“, was Rud. Köhler im vorliegenden Text relativiert – die meisten Knochen zerfielen bei Berührung.

Öffentliches Interesse: Die Berichte weckten das Interesse lokaler Sammler und Hobbyforscher, was den Bedarf an einem besseren Schutz der Fundstätte vor Unbefugten zur Folge hatte. Die zeitgenössische Presse berichtete fälschlicherweise:Dass die Stoßzähne viel größer seien oder dass mehrere auf einmal gefunden worden seien. Dass ein vollständiger Schädel geborgen worden sei (in Wirklichkeit handelte es sich nur um ein Kieferfragment). Es wurde spekuliert, dass der Fund Millionen von Jahre alt sei, obwohl er aus dem Pleistozän (Tausende von Jahren) stammt.

Reproduktion des Originalartikels aus Unser Egerland

Interessante Tatsache: Dieser spezielle Fund wird in der regionalen Literatur noch immer als einer der bedeutendsten Beweise für die Besiedlung des Gebiets durch Mammuts angeführt, da Mammutfunde in einer solchen Höhe nicht so häufig sind wie im Tiefland von Mähren.

Schulbild eines Mammuts. Sammlung des Sokolov-Museums